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  • Julia

Wenn nicht du und ich - wer dann?

#parentsforfuture #clenupweek #müllverschwindetnicht #einfachmachen


Ich bin seit Samstag unterwegs und sammle Müll in den Straßen und Wäldern meiner Geburtsstadt.

Nein, ich bin nicht asozial oder eine Verbrecherin.

Ich bin auch nicht von der Straßenreinigung und werde dafür bezahlt.

Ich bin auch nicht arbeitslos, verrückt oder bescheuert.

Ich bin traurig.


Meine Eltern halten mich für verrückt. "Du weißt, dass du dafür keine Bienchen bekommst, oder?", ruft meine Mutter aus dem Fenster, als ich ihr den Einkauf vom Markt bringe. Sie kann seit ein paar Monaten nicht richtig und vor allem nicht weit laufen. Ich bin selbstständig und arbeite von Zuhause, also bei Ihr um die Ecke. Also helfe ich, wo ich kann. Ich kann schließlich gut laufen. Das mache ich gerne.

Ich zucke mit den Schultern, atme entnervt aus, ohne das Sie es hört.

"Warum machst du das?", ruft sie fragend weiter.

Wieder zucke ich die Schultern. Keine Ahnung, ehrlich gesagt. Zumindest keine Ahnung, wie ich Ihr das erklären soll.

"Gutes Karma?", rufe ich zu ihr hoch.

Ich mache mich wieder auf den Weg.

Heute habe ich mir vorgenommen, beim Griechen anzufangen.

Schon als ich meine kleine Ausrüstung (Müllbeutel, Handschuhe und Grapschi - einen Greifer, den Oma Erika nicht wollte, weil Sie sich damit alt fühlt) heraushole, verzweifle ich halbwegs.

Wie beim Ostereiersuchen grapsche ich 1, 2, 3 ... 11! leere Weinflaschen aus dem Busch neben dem Griechen. Ich wollte eigentlich nicht, dass meine Sammlung schon am Anfang endet. Also nutze ich den leeren Mülleimer, der direkt neben dem Busch steht, um sie dort aufzutürmen.

Wie ich gestern erfahren habe, war das falsch von mir. Ich hätte Sie gleich zum Glascontainer bringen sollen. Tut mir leid, komische Kommentatorin auf Facebook, dass ich das nicht getan habe. Ich wollte leider noch die Hunderten Zigarettenstummel vor der Kita Sunshine aufsammeln, bevor meine Sammelaktion für den Tag endet. Denn dort laufen die Hunde aus dem Tierheim immer lang. Und auch wenn ich kein Elternteil bin und anderen nicht in Ihre Erziehung reinreden kann, so muss ich doch die schützen, die Niemanden haben. Am liebsten würde ich alle Tiere dieser Welt vor allem Möglichen schützen.


Aber zurück zum Eigentlichen: Warum mache ich das?

Weil es sonst keiner macht? Weil gerade eine Challenge stattfindet, die da heißt #cleanupweek? Ja und nein. Ich weiß, von wem diese Challenge initiiert wurde und ich weiß, dass wir vermutlich nur zu zweit durch Luckenwalde streifen, um den Müll der anderen zu beseitigen. Aber besser so als gar nicht, oder?


Am letzten Samstag habe ich eher aus Versehen damit begonnen, Müll zu sammeln. Ich begleitete meinen Freund zu einer "Übungsprüfung" oder wie auch immer, für seinen Meister im "Garten- und Landschaftsbau". Denn ich bin stolz auf ihn und möchte ihm das zeigen. Während ich also draußen wartete, ging ich an den Seddiner See, der dem Schulgelände angrenzt.

Ich warte also, knipse ein paar Äste von der Weide für die Kaninchen ab und freu mich, - wie der kleine Streber, der in mir steckt, - als ich eine Raupe finde, die sich super ihrer Umgebung angepasst hat.


Dann sehe ich es überall blitzen und glitzern. Glasscherben im Wasser, Glasscherben zwischen den Steinen, Glasscherben im Sand.

Also hebe ich Sie auf, einfach so.


Ich weiß, dass mein Freund hier auch schon einmal reingesprungen ist, um zu schwimmen. Aber es ist keine übertriebene Fürsorge, die mich dazu bringt, Glasscherben aufzusammeln. Ich mache es einfach, ich weiß nicht warum.

Am Abend sehe ich dann Zuhause die Aktion #cleanupweek auf Facebook oder Instagram? Ich weiß es nicht mehr.


Am nächsten Tag gehe ich mit meinem Quokka (Spitzname vom Freund - Ein echtes Quokka wäre ja mal zu cool, um wahr zu sein!) Gassi. Wir nennen das so, weil ich am liebsten täglich etwas spazieren gehe, um mal von Zuhause aka. meinem Arbeitsplatz/PC wegzukommen.

Ich nehme mir wieder Grapschi, Handschuhe und Beutel mit - man weiß ja nie. Aber eigentlich wusste ich: Da wo wir langgehen, wollte ich schon immer mal tabula-rasa-mäßig durchwüten.

Mein Quokka ist etwas genervt, deswegen versuche ich schnell zu machen und nicht jeden Krümel aufzuheben, damit wir trotzdem irgendwie noch so was wie spazieren gehen.

Auf der Hälfte des Weges. Mein Lieblingsort in Luckenwalde.

Nach nur einer Stunde und einer sehr stinkigen Erfahrung (Scheibenkäse, so alt, dass er sich verflüssigt hat) sind wir durch, haben zwei 50-Liter Beutel beinahe voll und haben, dank dem Stinkekäse, viel gelacht.

Natürlich habe ich auch die Tage danach noch allein weitergemacht. Ich gehe auch gleich wieder los. Bis heute kann ich aber nicht sagen warum. Fühle ich mich dadurch besser? So wie mich die Passanten angucken? Nein. Mache ich es aus Trotz? Nun, ich hab's angefangen und was ich anfange, muss ich zu Ende bringen, vielleicht ist das ein kleiner Tick, den ich habe. Jeder hat einen Tick! Nach dem 4. relativ danklosen Tag, kann ich zumindest sicher sagen, dass ich es nicht (mehr) aus Spaß mache.

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es da einen kleinen Moment gibt, wenn ich mit meiner Sammlung des Tages im Garten meiner Mutter ankomme. Dort warten die Gartenstreuner auf mich, weil ich Sie täglich füttern gehe. Und dann stubbst mich Äffchen (nicht meine Namenswahl) an. Und vielleicht mach ich es für Sie. Für die kleinen verletzlichen Pfötchen dieses Plüschpopos.

Vielleicht mache ich es, weil mich oft niemand versteht und dann regt sich der Wind und streicht mir über die Haut.

Vielleicht mache ich es, weil ich oft an den Menschen verzweifle und dann ein Spätsommerregen beginnt, als würde er meine Gefühle in die Welt tragen.

Vielleicht mache ich es für Mutter Natur, die Einzige, die mir bestimmt schon ein oder zwei Bienchen geschickt hat.


Vielleicht mache ich es auch für Aufmerksamkeit, ohne es zu wissen.

Vielleicht möchte ich zeigen, was für ein guter Mensch ich bin.

Vielleicht mache ich es aber auch einfach nur, weil ich traurig bin und es so kurz vergesse.


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